Hier geht es zu den einzelnen Buchempfehlungen
Unsere Kollegen und Kolleginnen erzählen, warum sie diese Bücher empfohlen haben.
„Ein Algorithmus hat kein Taktgefühl“ von Katharina Zweig
Wo künstliche Intelligenz sich irrt, warum uns das betrifft und was wir dagegen tun können
Link zu meinem Buch:
Warum ich das Buch gut finde?
Informatik ist für viele Menschen noch abstrakter als die Ingenieurwissenschaften, dennoch kommt heute keiner mehr an ihr vorbei! Katharina Zweig ist Sozioinformatikerin – schon alleine deshalb, sollte man das Buch gelesen haben ;) Ich kenne nur wenige Wissenschaffende, die es geschafft haben so komplexe Fachbegriffe und die angrenzenden Themen dazu anschaulich für jeden darzustellen, dass man fast schon glaubt, man hätte leichte Urlaubslektüre vor sich. Mit sehr konkreten Beispielen aus dem Leben zeigt sie uns, wo die KI sich irrt, und wann Mensch den Fehler gemacht hat. Ganz nebenbei lernt ein/eine Jede/r sämtliche Fachbegriffe, die man auch fürs weitere akademische und Arbeitsleben benötigt: Was ist ein Algorithmus, und worin unterscheidet es sich zur Heuristik, warum brauchen Modelle eine These und warum ist der Data Scientist und Big Data keine Lösung auf alle Probleme der Menschheit.
Und die Lieblingsstelle?
Die Vorhersage der Scheidungsrate basierend auf der Abschlussrate von Frauen in den Ingenieurwissenschaften – an diesem Beispiel wird der Begriff der Korrelation verdeutlicht. Wunderbares Party-Nicht-Wissen: Die Anzahl von Anwälten auf den Marianen-Inseln „korreliert“ noch stärker mit dem Anteil der Abschlüsse von Ingenieurinnen und es darf daher bestimmt die steile These geäußert werden, das Frauen in Männerberufen Ehen zerstören. Einfacher kann man zufällige Korrelation, Fakt, Thesen nicht erklären!
Wie bin ich auf das Buch gekommen?
Klassischer Zufallsfund. Ich las einen Artikel über das Fachgebiet der Sozioinformatik, am darin angeführten Interview war die Autorin, die als Professorin an der TU Kaiserslautern lehrt, beteiligt.

„Die Mutter der Erfindung“ von Katrine Marcal
Wie in einer Welt für Männer gute Ideen ignoriert werden
Link zu meinem Buch:
https://www.rowohlt.de/buch/katrine-marcal-die-mutter-der-erfindung-9783737101424
Warum ich das Buch gut finde?
Forschung in Deutschland ist in großen Teilen männerlastig, Frauen haben einen deutlich geringeren Anteil. Es macht sich tatsächlich bis dato auch niemand so recht Gedanken darüber, was das konkret für die Forschung und deren Weiterentwicklung bedeutet – oder was wir deswegen verpasst und nicht entwickelt haben. Katrine Marcal hat da einen anderen Ansatz. Am Beispiel des Rollkoffers, den wir heute alle gerne auf Reisen verwenden, zeigt sie auf, warum es erst so spät dazu kam, dass der Rollkoffer nicht nur als für Frauen geeignet angesehen worden ist, sondern auch für Männer. Es mussten erst die Flight Crews der großen Airlines mit ihren schicken Kapitänen kommen, damit auch Männer sich an den rollenden Koffer wagten. Ein anderes Beispiel ist der Raumanzug für die erste Mondlandung gewesen, der nach verschiedenen Ausschreibungen schließlich durch erfahrene Näherinnen von BHs genäht wurde – eigentlich undenkbar in der Geschichte der Raumfahrt. Sie beschreibt das wirklich toll.
Und die Lieblingsstelle?
Heute sind Elektroautos nicht mehr wegzudenken, aber es war ein langer Weg bis dahin. Denn E-Autos galten lange Zeit als weiblich, weil einfacher und damit unmännlicher Hebelstart. Erst nachdem sich der Freund eines Automobilherstellers den Kiefer an der Drehkurbel gebrochen hatte und daraufhin starb, setzte ein Umdenken ein. Allerdings nur in der Hinsicht, dass nun alle Verbrennermotoren auch einen Anlasser erhielten. Nun konnten Frauen und Männer Verbrennerautos fahren.
Wie bin ich auf das Buch gekommen?
Es kam als Anschaffungsidee von unserem Vizepräsidenten F&E für die Bibliothek zu mir. Er fand es interessant für die Studis und als ich das Thema „Frauen und Forschung“ gesehen habe, war ich angefixt. Ich war dann die erste Ausleiherin des Buches und nicht die Studierenden.
Im Netzwerk Frauen.Stärken.Hof, das ich mitgegründet habe, geht es auch zum Teil darum, dass wir Frauen und Technik zusammenbringen, sei es über Vorträge unserer Professorinnen oder den Besuch im Museum Bayerisches und seinen Erfindungen, wie z.B. die Fritsch Landkarten oder das Döbereiner Feuerzeug.

Link zu meinem Buch:
Warum ich das Buch gut finde?
In den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten hat der gute Ton meiner Ansicht nach stark gelitten. Ich sehe mehr Menschen mit Blick aufs Smartphone in geschlossenen Glastüren einrasten als solche, die sie sich gegenseitig aufhalten. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich verwende gerne Jugendsprache, ich fluche sehr gerne und meine Witze sind sicherlich auch nicht immer ganz ohne. Das alles schließt für mich aber keinen respektvollen Umgang und gute Tischmanieren beim Dinner aus. Man muss nicht spießig sein, um sein Handy beim Date im Auto zu lassen und Essen und Sprechen chronologisch zu trennen. Außerdem bin ich der Ansicht, dass man auch in Zeiten der Gleichstellung und Gendersprache eine Dame wie eine Dame behandeln sollte und einen Herren wie einen Herren.
Als ich hier begann, hier zu studieren, hat man gratis neue Testamente im Foyer verteilt, ich wünschte manchmal, man würde dort den Knigge verschenken.
Und die Lieblingsstelle?
„Hast du einen treuen Freund gefunden, so bewahre ihn. Achte ihn auch dann, wenn das Glück dich plötzlich über ihn erhebt.“ und „Huldige nicht mehreren Damen zur gleichen Zeit, wenn es dir darum zu tun ist, Zuneigung oder Vorzug von einer einzelnen zu erlangen.“ (es gibt in meinen Augen wenig schlimmeres als Untreue).
Wie bin ich auf das Buch gekommen?
Das Buch kennt grundsätzlich (hoffentlich) jeder, aus Gründen des nachlassenden gegenseitigen Respektes in der Gesellschaft kam ich aber letztendlich zum Entschluss, dass ich es einfach auch einmal besitzen und im Original lesen wollte, auch wenn natürlich nicht mehr alles am Zahn der Zeit ist.

„Peripherie“ von William Gibson
Corporate-Dystopien, AR und 3D-Druck im Science-Fiction-Universum vom Autor der Bücher „The Peripheral“ und „Cyberpunk“
Warum ich das Buch gut finde?
„Peripherie“ oder auf Englisch, „The Peripheral“, nimmt mit in eine erstarrt-eintönig wirkende Welt, in der so einiges actionlastiges passiert. Viele Elemente sind vertraut, aber mit einem Twist versehen: Im ländlichen Amerika im Jahr 2030 verdient Flynne Fisher ihren Unterhalt mit ihrem Job in einem 3D-Druck-Store, der querbeet alle Branchen bedient. Nebenbei steigt sie immer wieder als Gamerin bei ihrem Bruder ein, einem Veteranen, der im alten Wohnwagen der Familie VR-Games spielt und dort gegen Geld die Figuren zahlender Kunden hochlevelt. Beim Testen der Betaversion eines High-End-VR-Games, sieht sie einen Mord. Bald darauf versuchen Unbekannte, Flynne und ihre Familie auszuschalten – Finanziert von Geldern aus der Zukunft.
Mit gefällt am Buch die ruhige Stimmung, die durch die Settings und divers gestalteten Charaktere aufkommt, und die gegenüberstehenden komplexen Erzählstränge über verschiedene Interessengruppen, Zeitpunkte und Wissensstände der vielen Charaktere. Das Buch hat ungewöhnlich gut ausgearbeitete Geschwister-, Freunde- und Community-Dynamiken, und Themen wie (zu) große Institutionen, die Verschränkung von Wissenschaft und Politik, die Gefahren von Klimawandel und Pandemien, gibt es obendrauf. Der Roman fokussiert sich nicht nur auf eine Person, und eignet sich insgesamt hervorragend als #Badewannenlektüre!
Und die Lieblingsstelle?
Da ist die Auswahl groß! Wilf Netherton, ein weiterer Charakter, ist immer wieder auf klassischen Spionage-Missionen: Sich auf Partys einschleichen, mit einem Tattoomodel verhandeln, politische Gegner konfrontieren. Meine Lieblingsszene mit ihm ist eine, in der er versucht, in einem Videocall so zu tun, als käme er aus der Vergangenheit, indem er sich mit alten Monitoren und weiterer Technik aus der Vergangenheit ausstattet: Er vergreift sich dabei um einige Jahrzehnte, mit Konsequenzen.
Wie bin ich auf das Buch gekommen?
Während einer Erkältung habe ich das Buch in die Hand gedrückt bekommen, das die Grundlage für die Amazon-Serie „The Peripheral“ bildet. Der Autor war mir durch sein Cyberpunk-Universum bekannt, und so beschloss ich, es mir einmal anzusehen.
Ich kann seine anderen Bücher ebenfalls empfehlen. Die Serie ist übrigens schneller geschaut, aber weniger komplex und ausführlich als das Buch.
Link zum Buch: www.buecher.de/shop/zeitreisen/peripherie-das-buch-zur-serie-the-peripheral/gibson-william/products_products/detail/prod_id/44805190/

„Weltuntergang fällt aus“ von Jan Hegenberg
Link zu meinem Buch:
https://www.amazon.de/Weltuntergang-f%C3%A4llt-aus-Klimakrise-einfacher/dp/383120604X
Warum ich das Buch gut finde?
Es gibt genügend Bücher die treffend beschreiben, was die Menschheit in den letzten 100 Jahren alles falsch gemacht hat und entsprechend düstere Zukunftsbilder malen. Nur wenige bieten auch Lösungen an, wie sich die Menschheit aus der selbstgemachten Klimakrise auch wieder befreien kann und in denen wird meist klargemacht, dass das nur mit großen Anstrengungen und erheblichen Komfortverzicht der Bürger in den Industrienationen möglich wird. Das macht mutlos und es fehlt an einer positiven Vision der Zukunft, die für die meisten Menschen erstrebenswert erscheint und nicht nur für ein paar Klimaaktivisten. Jan Hegenberg stellt sich dem entgegen und zeigt detailliert recherchiert und mit zahlreichen Quellen belegt auf, dass wir alle nötigen Mittel an der Hand haben, um klimaneutral zu werden, ohne uns groß einschränken zu müssen. Was zunächst wie eine Träumerei klingt, wird Seite für Seite des Buches klarer. Hegenberg beantwortet dabei alle typischen Fragen, die der moderne Wohlstandsbürger parat hat, um zu begründen, warum es eh nicht klappt. Damit schafft der Autor nicht nur die dringend nötige realistische Utopie der klimaneutralen Zukunft der Menschheit, sondern zeigt auch Schritt für Schritt was getan werden muss. Nur tun müssen wir es immer noch selbst.
Und die Lieblingsstelle?
Wir haben schon fast ein Drittel der nötigen erneuerbaren Energie, weil wir durch die Abkehr vom Verbrenner dank Effizienzgewinnen zwei Drittel weniger Primärenergie brauchen werden (S. 54).
Es gibt kein „Winterloch“ der erneuerbaren Energien. Der Mangel an PV-Strom im Winter wird durch mehr Windstrom überkompensiert (S. 127).
„Wasserstoff ist ein Energieträger, keine Energiequelle. Um Maschinen mit Wasserstoff zu betreiben, müssen wir im ersten Schritt mehr Energie aufwenden, um den Wasserstoff herzustellen“ (S. 272).
Wie bin ich auf das Buch gekommen?
Von meiner Frau zu Weihnachten geschenkt bekommen.

„Bildung braucht Persönlichkeit – Wie Lernen gelingt“ von Gerhard Roth
Wirksames Lernen ist nicht nur für das Studium essenziell, sondern auch für jeden Veränderungsprozess wie z.B. im Zuge der Digitalisierung ist.
Warum ich das Buch gut finde?
Lernen ist ein essenzieller Prozess des Lebens. Zu verstehen, wie Lernprozesse im Gehirn stattfinden, Informationen gefiltert, bewertet und abgespeichert werden, hilft mir in vielen Entscheidungssituationen innerhalb technischer Prozesse. Als junger Ingenieur war ich verwundert, warum in technischen Projektgesprächen häufig Entscheidungen trotz klarer Sachlage anders getroffen wurden, so dass die dahinterliegenden Prozesse verstehen wollte. Irgendwann bin ich bei den Büchern des Hirnforschers Gerhard Roth gelandet, der sich auch mit wirksamem Lernen befasst.
„Bildung braucht Persönlichkeit“ beschreibt in verständlicher Weise, dass die Informationsaufnahme und -speicherung weniger von Lerninhalten bestimmt werden als vom individuellen Reifeprozess des Gehirns und den abgespeicherten Erfahrungen des Lebens. Dabei spielen aktuelle und erinnerte Emotionen eine besondere Rolle, die die Aufnahme neuen Wissens und die Bereitschaft zum Lernen stark beeinflussen. An seinem Vier-Ebenen-Modell der Persönlichkeit zeigt Roth, wie sich das Gehirn im Laufe des Lebens entwickelt, welche Prozesse unbewusst und bewusst beeinflussbar und damit für das Lernen gestaltbar sind.
Und die Lieblingsstelle?
Seine Schlussfolgerungen für den Unterricht. Unabhängig von Intelligenz und Begabung spielen Persönlichkeitsmerkmale und Motivation eine enorme Rolle, ob jemand lernt oder nicht. Damit stehen Lehrenden zwei wichtige Wege zu den Lernenden zur Verfügung: sich auf jede Person mit ihrer Lebensgeschichte individuell einzulassen und mit kreativen Methoden die Motivation zu steigern. Nicht ganz einfach und nicht überall ideal umsetzbar, aber es ist es wert, es zu versuchen.
Wie bin ich auf das Buch gekommen?
Die Bücher von Gerhard Roth begleiten mich seit vielen Jahren. Zum ersten Mal bin ich auf ihn im Zuge meiner Coachingausbildungen gestoßen und war von Beginn an vom seinem Vier-Ebenen-Modell der Persönlichkeit fasziniert. Viele Fragen zu meiner eigenen Entwicklung und zu meinem eigenen kommunikativen Verhalten konnte ich besser beantworten. Und mit Hilfe dieses Wissens war die Durchführung von Veränderungsprozessen in Digitalisierungsprojekten leichter als vorher. Als ich das neue Buch parallel zu meinem Beginn an der Hochschule entdeckte, war klar, das muss ich lesen.
Link zu meinem Buch:
https://www.klett-cotta.de/buch/Schule_und_Unterricht/Bildung_braucht_Persoenlichkeit/144044

„Bullshit Jobs“ von David Graeber
Warum ich das Buch gut finde?
Wer mich kennt, weiß, dass ich gerne eher ironisch lächelnd über Probleme rede. David Graeber macht das in seinem Buch ähnlich. Er beschreibt den Zuwachs an nicht wertschöpfender Arbeit, die er als Bullshit Job bezeichnet, analysiert und kategorisiert diese in 5 Typen: „Flunkies“ (Lakaien), „Goons“ (Schläger), „Duct-Tapers“ (Flickschuster), „Boxtickers“ (Kästchenankreuzer) und „Taskmasters“ (Aufgabenverteiler). Gleich am Anfang zitiert er eine Vorhersage von John Maynard Keynes aus dem Jahr 1930, der für das Ende des Jahrhunderts (also das Jahr 2000) eine derart hohe Produktivität erwartete, dass eine 15-Stunden Arbeitswoche ausreichen müsste. David Graeber erklärt den Grund für das Nicht-Eintreten der Prophezeiung so: "... die Technologie wurde eingesetzt ..., damit wir alle mehr arbeiten. Um dies zu erreichen, mussten Arbeitsplätze geschaffen werden, die im Grunde genommen sinnlos sind.“
In Lauf meiner Karriere habe ich Erfahrungen gesammelt, die die Aussagen des Buches voll bestätigen. Damit war das Buch für mich erstmal eine nette, entspannende, aber auch intellektuell anregende Lektüre. Rückblickend, nach dem Lesen ist es aber auch eine Mahnung für mich, im Rahmen meiner Möglichkeiten darauf zu achten, dass in meinem Umfeld keine neuen Bullshit Jobs entstehen und die bereits vorhandenen möglichst zurück in richtige Jobs entwickelt werden.
Ich habe das Buch im englischen Original gelesen. Es gibt aber auch eine deutsche Übersetzung.
Und die Lieblingsstelle?
“Was Kesselflicker tun: Kesselflicker sind Mitarbeiter, die nur aufgrund einer Panne oder eines Fehlers in der Organisation tätig sind; die dazu da sind, ein Problem zu lösen, das es eigentlich nicht geben dürfte. (S. 40)
„In gewisser Weise haben die Kritiker, die behaupten, dass wir keine Fünfzehn-Stunden-Woche arbeiten, weil wir den Konsum der Freizeit vorgezogen haben, nicht ganz unrecht. ... Es liegt daran, dass wir eine bizarre sadomasochistische Dialektik erfunden haben, in der wir das Gefühl haben, dass der Schmerz am Arbeitsplatz die einzige Rechtfertigung für heimliche Konsumvergnügen ist, und gleichzeitig die Tatsache, dass unsere Arbeit immer mehr von unserer wachen Existenz auffrisst... (S. 246)
Wie bin ich auf das Buch gekommen?
Ich habe (vor einiger Zeit) eine positive Kritik in der SZ gelesen.
Link zu meinem Buch:
https://www.abebooks.com/9780241263884/Bullshit-Jobs-0241263883/plp

„The Dawn of Everything. A New History of Humanity“ by David Graeber and Davin Wengrow
Link zu meinem Buch:
Warum ich das Buch gut finde?
In den letzten zwanzig Jahren hat mich kein Buch so sehr beeindruckt wie dieses. Und das ist keine Übertreibung. Die beiden Jungs stellen so ziemlich alle Tatsachenbehauptungen aus klassischen ökonomischen, politischen und soziologischen Theorien über die Entwicklung und die Entwicklungslogik von Zivilisation und Gesellschaft in Frage. Und das machen sie vor allen Dingen in einer Art und Weise, die vor allem für Ökonomie und Politikwissenschaft relativ selten ist: empirisch!
Sie stellen dabei eigentlich keine neuen empirischen Erkenntnisse vor. Aber in Zeiten von Lehrbüchern, die von Professor*innen geschrieben wurden, die selbst nur Lehrbücher gelesen haben, geht der echte „Stand der Forschung“ oft etwas verloren. Gesellschaftliche Strukturen sind kontingent, oder in meinen Worten: In Bezug auf politische-, wirtschaftliche- und kulturelle Systeme ist es wie beim guten Sex: Alles kann aber nichts muss! Mittlerweile gibt es das Buch auch auf Deutsch, aber der Titel „Anfänge“ verrät schon, wie beschissen die Übersetzung ist.
Und die Lieblingsstelle?
An einer Stelle wird erklärt, weshalb sich frühmoderne Monarchen oft die „Hüter von Witwen und Waisen“ genannt haben. Denen war wohl selber nicht klar, dass in einigen spätsteinzeitlichen Gesellschaftssystemen, die Herrschaftsfiguren tatsächlich eine solche Funktion ausüben mussten. Ganz im Sinne eines Potlatsch, damit Ungleichheit, und nichts anderes ist eine Hierarchie, auch einen sozialen Sinn haben kann.
Wie bin ich auf das Buch gekommen?
Ich habe eine Rezension in der New York Times gelesen. Tatsächlich kann man diese Zeitung am Hofer Bahnhof käuflich erwerben. Aber wehe!! Es gibt immer nur ein Exemplar und das gehört mir.

"Handmade: A Scientist’s Search for Meaning Through Making" von Dr. Anna Ploszajski
Link zum Buch: https://www.amazon.de/Handmade-Scientists-Search-Meaning-through/dp/1472971078
Warum ich das Buch gut finde?
Was versuche ich als Hochschullehrer Tag für Tag zu tun? Ich versuche meinen Studierenden die spannenden Seiten der Informatik in der Theorie und dann auch in der Praxis zu zeigen. Zum Beispiel: Was die Theorie hinter einem Splay-Tree ist und wo man ihn in der Informatik einsetzt. Die Autorin macht in ihrem Buch genau das Gleiche, aber in einem für mich bis dahin unbekannten Wissenschaftsbereich und viel geschickter und spannender.
In jedem Kapitel habe ich etwas über die Theorie der Materialwissenschaften gelernt. Auch wenn es nicht annähernd mein Fachgebiet ist, habe ich viel Interessantes verstanden und das Buch hat mein Interesse an diesem Thema geweckt. Zum Beispiel habe ich jetzt ein minimales Verständnis dafür, warum Glas durchsichtig ist. Zu dieser Theorie kamen dann noch die interessanten Erfahrungen der Autorin im "handwerklichen Umgang" mit den Materialien. Wie bläst man zum Beispiel Glas? Klar, das hat man vielleicht mal im Urlaub in einer Glasbläserhütte oder im Fernsehen gesehen, aber da haben es die Profis gemacht und alles sah so einfach aus. Was passiert nun, wenn Theorie auf Handwerk trifft? Genau dieser Spannungsbogen zwischen Theorie und Praxis zieht sich durch jedes Kapitel. Man ist jedes Mal aufs Neue gespannt, mit welchen Problemen "die Wissenschaftlerin" in der "Werkstatt des Handwerkers" zu kämpfen hat. Die Autorin nimmt den Leser wunderbar mit und man spürt, wie sie mit jeder gelösten Aufgabe ein wenig wächst. Wahrscheinlich ist sie am Ende des Buches einen halben Meter größer als am Anfang.
Und nach dem Lesen des Buches weiß ich, in meinem nächsten Leben werde ich Materialwissenschaftler und in meinem übernächsten Storyteller, zumindest würde ich es gerne werden!
Meine Lieblingsstelle?
Auch wenn es sich "faul" anhört, das gesamte Buch ist meine Lieblingsstelle. Es ist nicht so, dass das Buch einen wie ein Krimi in den Bann zieht und man wissen will/ muss, wer der Bösewicht ist. Man kann jedes Kapitel für sich als kleine Kurzgeschichte lesen und dann will man einfach mehr! Mehr erfahren, mit der Autorin zusammen mehr die Handwerkskunst dahinter kennenlernen und mitfiebern wie sie die Theorie und die Praxis zusammenbringt.
Wie bin ich auf das Buch gekommen?
Die Autorin gibt auch Kurse zum Thema Storytelling, und was lag da näher, als sich das Buch vorzumerken und zu schauen, wie man diese Kunst in wissenschaftlich angehauchten Texten zelebrieren kann. Und dann war es irgendwann so weit. Ich habe wieder ein Buch zum entspannten Lesen gesucht, mein Backlog angeschaut, das Buch gekauft und dann die Badewanne blockiert.

„Through the Language Glass” von Guy Deutscher
Why The World Looks Different In Other Languages
Warum ich das Buch gut finde?
Sprache ist die Basis dafür, sich zu verstehen, im Speziellen auch untereinander. Es ist daher für mich interessant zu sehen, wie sich Sprache entwickelt hat. Im Kontext des Buches geht es insbesondere darum, wie die Wahrnehmung von Farben von deren Bezeichnung abweichen kann. Es wird besonders auf die Werke von Homer Bezug genommen, dessen „weindunkle See“, „grüner Honig“ oder „violette Schafe“ die Historiker verwirrten, auch wenn Autoren – und besonders Dichtern –künstlerische Freiheit und poetisch/emotional geprägte Farbwahl zugestanden wird. Das Buch beschäftigt sich mit der Frage: Hatten Menschen von damals eine andere Farbwahrnehmung oder hatten sie schlichtweg kein Wort für die Farben, die wir heute in ihrer Vielfältigkeit als gegeben hinnehmen? Dabei wird auch auf kulturelle und evolutionäre Entwicklung von Menschen Bezug genommen und darauf, dass Wissenschaftler auch kuriose Ansätze zur Beantwortung ihrer Fragestellungen verfolgen können, deren Ergebnisse nur noch mehr Fragen aufwerfen.
Und die Lieblingsstelle?
Es gibt eine Stelle im Buch, in der der Autor sein Kind fragt, welche Farbe der Himmel hat und es kann diese Frage nicht wirklich beantworten. Die meisten würden vielleicht „blau“ sagen, aber ist das der Fall? Der Himmel könnte blau sein, oder auch weiß, oder bei Sonnenauf- oder -untergang sogar mehrfarbig erscheinen. Und bloß, weil Menschen blau vorwiegend wahrnehmen, muss es nicht die tatsächliche Farbe sein.
Wie bin ich auf das Buch gekommen?
Das Buch war eine Empfehlung von Stephen Fry, als Zusatzlektüre im Kontext seiner Bücherreihe zur griechischen Mythologie (kann ich jedem empfehlen, der griechische Mythologie mag, besonders die Audioversion gesprochen vom Autor selbst). Für ein Sachbuch lässt sich „Through the Language Glass” durchaus unterhaltsam lesen.
Link zum Buch:
www.penguin.co.uk/books/412264/through-the-language-glass-by-guy-deutscher/9780099505570

„Der elektronische Spiegel“ von Manuela Lenzen
Menschliches Denken und künstliche Intelligenz
Warum ich das Buch gut finde?
Das Buch schildert herrlich unaufgeregt und weitgehend gut recherchiert, was KI ausmacht und wo die Möglichkeiten und Grenzen liegen. Die Autorin zeigt auch immer wieder Parallelen und Unterschiede zum Menschen und geht auch auf menschliche Schwächen ein, die teilweise bei der KI kritisiert werden. Der Buchtitel erinnert daran, dass KI ursprünglich (auch) dazu geschaffen wurde, um mehr über unsere menschliche Intelligenz zu lernen, was sich auch darin widerspiegelt, dass die Definitionen darüber, ab wann KI wirklich intelligent ist, sich immer mal verändert. Die Autorin beschreibt verschiedene Facetten von KI, nicht nur die aktuell gehypten Sprachmodelle und hat sehr gut recherchiert. Das Buch ist kurz nach Veröffentlichung von ChatGPT erschienen und greift dessen „Können“ auch an einer Stelle im Buch auf. Einige Passagen beziehen sich aber noch auf ältere Stände der Forschung und sind daher trotz der Aktualität des Buches schon ein bisschen überholt.
Und die Lieblingsstelle?
Diese Spiegel zeigen uns deutlich, dass Intelligenz nicht das ist, wofür wir sie eine Zeitlang gehalten haben [..], dass wir uns ein im Wortsinne unmenschliches Ideal von Intelligenz geschaffen haben. [..] Wir schätzen uns selbst und die künstlichen Systeme falsch ein [..]. Der Mensch ist kein objektiver Denker, kein problemlösender Rationalist. [..] Mit einem genaueren Blick in den elektronischen Spiegel können wir uns von dem falschen Bild der Intelligenz befreien und lernen, die künstlichen Systeme realistischer einzuschätzen.
Wie bin ich auf das Buch gekommen?
Beim Stöbern nach aktuellen Büchern, die KI aus „Außenperspektive“ beschreiben. Eines der wenigen Bücher, die wirklich gut waren in dieser Hinsicht im Gegensatz z.B. zu bekannten Größen wie Precht.

„Imaginierte Zukunft“ von Jens Beckert
Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus
Warum ich das Buch gut finde?
"Imaginierte Zukunft" von Jens Beckert ist ein gelungenes Werk in der Welt der Wirtschaftssoziologie, dass ich insbesondere Studierenden ans Herz lege. Beckert beleuchtet in seinem Buch die Unsicherheit und Ungewissheit zwischen Gegenwart und Zukunft, speziell im Hinblick auf die Herausforderungen für Wirtschaftsakteure. Er hebt hervor, dass in wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen Imaginationen und 'fiktionale Erwartungen' eine zentrale Rolle spielen. Beckert verdeutlicht dabei, dass Entscheidungen, besonders angesichts von Ungewissheit, oft auf diesen Vorstellungen basieren und dass unverwirklichte Zukunftsszenarien eine zentrale Orientierungsfunktion haben. Das Buch bietet eine tiefgehende und originelle Analyse des Umgangs mit Zukunftserwartungen und fördert die Selbstreflexion in der eigenen Entscheidungsfindung. Besonders bemerkenswert ist der Bezug zum Erwartungswert in den Wirtschaftswissenschaften. Beckert stellt dar, dass unsere Sicht auf die Zukunft durch imaginierte Erwartungen geprägt wird, die schlicht nicht quantifizierbar sind, und betont dabei, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit solcher Ereignisse einfach nicht berechnet oder bestimmt werden kann.
Und die Lieblingsstelle?
In meinem Lieblingsabschnitt von Jens Beckerts "Imaginierte Zukunft" wird herausgearbeitet, dass Ungewissheit in der Wirtschaft nicht quantitativ berechnet werden kann. Beckert erläutert, dass gerade bei hoher Varianz traditionelle Berechnungsmethoden scheitern. Diese Einsicht verdeutlicht, wie Entscheidungsträger sich auf nicht-quantifizierbare, imaginative Szenarien verlassen, um in einem Meer von Unvorhersehbarkeit und Ungewissheit Orientierung zu finden.
Wie bin ich auf das Buch gekommen?
Ich stieß auf "Imaginierte Zukunft" von Jens Beckert durch seinen herausragenden Artikel "Was ist soziologisch an der Wirtschaftssoziologie? Ungewissheit und die Einbettung wirtschaftlichen Handelns" aus dem Jahr 1996. Dieser Artikel, der die Bedeutung von Unsicherheit und die soziale Einbettung wirtschaftlicher Prozesse eindrucksvoll darstellt, hat mich tief beeindruckt. Seine beeindruckende Fähigkeit, komplexe Sachverhalte klar und verständlich darzustellen, weckte mein Interesse, "Imaginierte Zukunft" zu lesen.
Link zu meinem Buch:
https://www.suhrkamp.de/buch/jens-beckert-imaginierte-zukunft-t-9783518587171

„Mauersegler“ von Christoph Poschenrieder
Warum ich das Buch gut finde?
Fünf Männer gründen eine Alten-WG in einer Villa am See. Zusammen wollen sie die verbleibenden Jahre verbringen, zusammen noch einmal das Leben genießen. Für den letzten - selbstbestimmten - Schritt zählen sie auf die Hilfe der Mitbewohner. Denn es kommt nicht darauf an, wie alt man wird, sondern wie und mit wem man alt wird.
Diese Geschichte ist eine herrliche Idee für das gemeinsame Altwerden mit wirklich guten Freunden, die füreinander einstehen! Es ist ein heiterer Roman, der mit Humor und Witz die Probleme des Alt- und Gebrechlichwerdens angeht und ein wirklich überzeugendes, wenngleich nicht ganz ernst zu nehmendes Konzept für die letzten Fragen, die jeden früher oder später beschäftigen, anbietet.
Und die Lieblingsstelle?
Zum Dorfarzt, der in die Eigenarten des Umgangs der Herren miteinander eingeweiht werden muss: „Sehen Sie, wir sind fünf alte Narren, die sich hier […] ihr Narrenschiff gezimmert haben. Und ehhm, wenn Sie verstehen, wir gehen nicht von Bord, nur weil wir im Sturm des Lebens seekrank geworden sind. Wir wettern das ab, oder…also, ohne auf das Hospitalschiff hinüberzuseilen…““Kann mir vorstellen, was Sie meinen, ich war Marinearzt“, sagte der Doktor, „man weiss ja nicht, ob man wieder zurück an Bord darf.“ […] „Wenn ich älter wäre, ich würde sofort bei Ihnen einziehen“, sagte er.
Wie bin ich auf das Buch gekommen?
Das Buch kursiert seit geraumer Zeit bei mir im Freundeskreis, im Grunde genommen sind wir alle auf der Suche nach geeigneten Mitbewohnern. Ein entsprechender IT-Spezialist wird übrigens noch gesucht…
Link zu meinem Buch:
https://www.perlentaucher.de/buch/christoph-poschenrieder/mauersegler.html
Disclaimer: Die in der Reihe der #badewannenlektuere“ vorgestellten Bücher sind private Empfehlungen und Meinungen von Mitgliedern der Hochschule Hof. Als Hochschule erhalten wir für die Nennung der Titel keinerlei Gegenleistung und haben auch keinerlei besonderen Bezüge zu Autor:innen oder Verlagen. Eine Ausnahme bilden Bücher, die unsere Wissenschaftler:innen selbst verfasst haben.



